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BIOGRAFIE


Anne Keil


Genaues Sehen und geduldige Striche
Die Zeichnerin Anne Keil

...mit dem Mut, im Umfeld von abstrakten Linienschwüngen und expressiver Farbigkeit anatomisch korrekte Umrisse zu setzen, mit Schraffur, Strichdichte und feiner Hell-Dunkel-Stufung Volumen und Raumtiefe zu setzen, kam bei der in Bruchhausen-Vilsen lebenden Künstlerin bald auch der Trotz. Der Trotz, gegen den Strom der Zeit zu schwimmen und den langen Marsch der Erkundung des Körpers anzutreten, die Erkundung seiner Präsenz im Raum und seiner immateriellen Innenwelten. Das Abenteuer, Plastizität in der Fläche zu formulieren und ausschwärmenden Erzählfluss auf einem Blatt zu verdichten, reizte Anne Keil von Beginn an mehr als die spontane Bildgeste oder die skizzenhafte Andeutung. Dabei sind ihre detailreich und filigran gefertigten Zeichnungen nicht als naturalistische Abbildungen vorgefundener Gestalten oder Illustrationen vorgegebener Geschichten zu verstehen. Vielmehr geben zufällige Funde den Impuls für Imaginationen, die sich im zeichnerischen Prozess entwickeln.

Eine ihrer Arbeiten nennt Anne Keil „Die Freiheit und ihre Begleiter“. Der Name ist beispielhaft. Zum einen weisen die Titel einen Weg zur Inhaltsebene der Darstellung, zum anderen lassen sie genügend Platz für die subjektiven Gedanken und Empfindungen des Betrachters. Nie machen die Titel den intensiven Dialog mit der zeichnerischen Sprache und der Zeichenfülle in Anne Keils Kompositionen entbehrlich. Auch wenn viele Bildelemente vertraut erscheinen, die Wahrheit liegt unter der Oberfläche und zwischen den Dingen. ...

Um die Zentralfigur in dem Bild „Die Freiheit und ihre Begleiter“ wuchert ein Kosmos aus Gestalten und Szenen, die nebeneinander gestellt, miteinander verschlungen und in der Tiefe gestaffelt, nicht leicht in eine geschlossene Form oder in einen schlüssigen inhaltlichen Zusammenhang gebracht werden können. Das liegt schon im Werkprozess selbst begründet. Die Künstlerin beschreibt ihr Vorgehen als ein allmähliches Anlagern von Figuren um den Bildkern herum, ein formal gesehen geradezu organisches Wachstum, das von Technik und Zeichengerät befördert wird. Wird Strich neben Strich gesetzt, scheinen durch ungegenständliche Kulissenräume Schemen und Formen durch, die aufgegriffen und ausgestaltet werden. So ist der Bildbau eine Zeichenreise, die mit einem Alltagsfund startet, ins Ungewisse aufbricht und sich von Wegweisern leiten lässt, die erst durch die Fahrt Form gewinnen und sichtbar werden. Die Reise ist kein linearer Start-Ziel Parcours, sondern ein spiralförmiges Kreisen, bei dem die Fluchten und Perspektiven beständig wechseln und Kern und Ränder in stets neue Korrespondenzen treten können. ...

Um den Kopf der Frau ranken sich wie ein wolkiger Haarschopf Gestalten und Ornamente. Der Körper ist umgeben von schatten- und schemenhaften Figuren, die mehr oder weniger ausgestaltet Traumwelten, Erinnerungsspeichern oder Visionen entnommen sein können. Die Körper, Orte und Szenen spiegeln unterschiedliche Qualitäten von Erfindungsreichtum, Einbildungskraft und Erinnerungsleistung wider: Bedrohliches, Entschwindendes, Verlorenes, Glücksversprechen und Heilserwartungen, Massiges und Sphärisches, Profanes und Fabelhaftes. Die Künstlerin hat zu jeder Gestalt ihre eigenen Assoziationen. Doch sie findet es nicht erstrebenswert, dass sich die Lesart des Betrachters mit ihrer eigenen deckt. Sie erwartet keine Entschlüsselung, sondern hofft, dass sich für ihr Publikum über den ästhetischen Genuss Türen zu den eigenen Empfindungs- und Gedankenwelten öffnen.

Rainer Beßling